Oft hören wir inzwischen, unsere Berufe würden bald von der KI ersetzt und komplett überflüssig. Wie kann ein Verband dem begegnen? Sich selbst aufgeben und den Mitgliedern berufliche Umorientierung empfehlen? Weiterhin an womöglich überalterten Strukturen und Themen festhalten? Der BDÜ Nord sucht Wege in die Zukunft.
An Klassikern festhalten
Gerechte Bezahlung für hochqualifizierte Leistungen
Eine Kernforderung, für die sich der Verband stets stark macht, ist die einer angemessenen Vergütung für Sprachmittler sowohl in der Justiz und bei Behörden als auch in Wirtschaft, Technik, Medizin, Psychotherapie oder beim Dolmetschen im Gemeinwesen. Eine gute Kommunikation gelingt nur unter Einsatz von ausgebildetem und qualifiziertem Personal, ein Appell, den der BDÜ Nord nicht müde wurde zu wiederholen. Für diese Anliegen hat der BDÜ Nord immer wieder Lobbyarbeit betrieben – nicht nur auf dem Papier, sondern auch durch persönliche Teilnahme an politischen Anhörungen, an Tagungen, in Wirtschaftsclubs oder bei Werksbesichtigungen. Zu diesen Gelegenheiten warben die Vertreter des BDÜ Nord beharrlich für den Einsatz von Fachkräften auch aus den Reihen des Verbands.
Bestandsschutz für vereidigte Dolmetscher und Übersetzer bei Gericht
Die Weiterbeschäftigung bewährter Sprachmittler in der Justiz sichern – für dieses Anliegen setzte sich der Vorstand beharrlich ein. Hierfür machte er sich stark seit die ersten Gespräche über das Gerichtsdolmetschergesetz (GDolmG) stattfanden und die ersten Entwürfe dazu vorgelegt wurden: mit Stellungnahmen auf Bundes- und Landesebene. Der BDÜ Nord suchte auch Verbündete außerhalb der Sprachmittlerbranche und fand in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di einen starken Partner. Im September 2023 stellte sich der ver.di-Bundeskongress mit seinen über Tausend Delegierten hinter die Forderungen des BDÜ Nord. „Den „alten Hasen“ zu helfen, ihren Beruf auch weiterhin ausüben zu dürfen, ohne sich einer Nachprüfung unterziehen zu müssen, gehört zum Kerngeschäft der berufsständischen Interessenvertretung,“ erklärt Geschäftsführerin Catherine Stumpp, "damit helfen wir auch der Justiz, die sonst nach Ablauf der Übergangsfrist von einem Tag auf den anderen ohne ihre bewährten Fachkräfte dastünde". Über die Jahre hat der Verband in vielen Gremien und Kommissionen Stellungnahmen und Einschätzungen zu den verschiedenen Mängeln in Gesetzen in puncto Sprachmittlung abgegeben.
Neue Themen aufgreifen: Corona, KI und Co.
Vom Komparsen zum Hauptdarsteller: Die Künstliche Intelligenz KI
Als die KI sich noch nur als fernes Ereignis am Horizont abzeichnete und bevor sie sich in nahezu allen Lebens- und Arbeitsbereiche ausgebreitet hatte, griff der BDÜ Nord das Thema öffentlichkeitswirksam auf. Im Herbst 2019 veranstalte er eine gutbesuchte Podiumsdiskussion in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. Als Gast aus der Politik war Falko Mohrs (SPD) bei der Disskussion dabei, seinerzeit MdB und derzeit niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. Solche Events helfen Sprachmittlern, sich angesichts neuer technischer Herausforderungen zu positionieren. Eine wichtige Botschaft, die die Verbandsvertreter des BDÜ Nord immer wieder vermittelten: Maschinelle Übersetzungen sind zwar durchaus hilfreich, aber ohne menschlichen Sachverstand und sachverständige Endkontrolle geht es nicht. Untermauert durch langjährige Erfahrung in der praktischen Anwendung, kam die Geschäftsführerin und langjährige Vorsitzende des BDÜ Nord Catherine Stumpp zu diesem Thema auch in der jüngeren Vergangenheit in den Medien häufiger zu Wort, etwa im Oktober 2024 im NDR-Fernsehen und im Februar 2025 als Branchenexpertin bei einer Podiumsdiskussion im Institut français in Hamburg.
Unterstützung in unsicheren Zeiten
Um Isolation, Ängste und Auftragsrückgänge während der Coronapandemie erträglicher zu gestalten, organisierte der BDÜ-Nord in diesen herausfordernden Jahren regelmäßig den virtuellen „Mittwochstalk“ für seine Mitglieder und Interessierte. In diesen sehr beliebten Gesprächsrunden berichteten Fachleute über neue Themen, Sprachmittler sprachen über Spezialisierungen und es gab viel Gelegenheit für persönlichen Austausch in der durch Lockdown und Anspannung geprägten Situation.
Auf aktuelle Themen wies der BDÜ Nord auch in der Öffentlichkeit hin, woraufhin die Regionalpresse und der NDR häufiger über unsere Anliegen berichteten.
Gemeinsam fit für die Zukunft:
Seminare und Preise
Die Seminare im Angebot des BDÜ Nord boten Gelegenheit, über technische Neuerungen, neueste Branchentrends, Fachsprache, Selbstmarketing und mehr dazuzulernen. Ein Ziel des Schulungsprogramms ist, Sprachmittler auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten und ihnen Anregungen für zusätzliche mögliche Dienstleistungen anzubieten, wie Terminologie, Transkreation und mehr. Besonders beliebt ist das Seminar in redaktioneller Nachbearbeitung maschineller Übersetzungen (Maschine Translation Post Editing, kurz MTPE), das sich sehr großer Beliebtheit erfreut. Die Vorsitzende Ilka Waßman bedankt sich herzlich bei allen hochmotivierten Referenten, die für den BDÜ Nord inspirierende Seminare geleitet haben.
Um eine qualifizierte und zukunftsträchtige Ausbildung in der Branche anzuerkennen und aufrechtzuerhalten, vergab der BDÜ Nord regelmäßig Preise und Deutschlandstipendien für Studierende. Bereits seit den Neunzigerjahren verlieh er jährlich den Förderpreis für die erfolgreichsten Masterarbeiten in übersetzungsrelevanten Fächern der Uni Hildesheim. Von 2019 bis 2025 finanzierte der BDÜ-Nord zudem gemäß Mitgliederbeschluss jährlich drei Deutschlandstipendien in Translationswissenschaften; davon je eines an der Universität Hildesheim, der Hochschule Flensburg und zusätzlich an der Universität Hamburg für Gebärdensprachdolmetschen. Das Deutschlandstipendium wird je zur Hälfte von Förderern und aus Steuergeldern bezahlt und ist vom Bundesforschungsministerium initiiert.
Die treibende Kraft: Eine vielfältige Truppe mit hoher Motivation
Der Verband lebt von denen, die sich aktiv für ihn einsetzen. Regelmäßig fuhren Vorstände und Mitglieder durch Norddeutschland und die Republik, um auf Wirtschaftsmessen, Berufemessen und Fachtagungen für die Branche zu werben. Sie wirkten obendrein im DIN-Ausschuss für Leichte Sprache, der europäischen Vereinigung für Gerichtsdolmetscher (European Legal Interpreters and Translators Association EULITA) und vielen weiteren Gremien mit. Das Themenspektrum von Fachkonferenzen, die der BDÜ Nord besuchte, reicht vom Dolmetschen in der Psychotherapie über KI beim Behördendolmetschen bis hin zur Zukunft des E-Learnings in Afrika.
Schlussapplaus: Dank an die Mitwirkenden
Der Vorstand des BDÜ Nord und die Geschäftsführung danken allen, die bei Jahreshauptversammlungen, Stammtischen und Netzwerktreffen dabei waren und insbesondere bei jenen, die sich aktiv eingebracht haben. Jenen, die über die Jahre im Vorstand oder als zuständige Themenreferenten Verantwortung übernommen haben, gebührt unsere Anerkennung und unser Dank, dass sie ihre freie Zeit für uns alle aufgewendet und sich unermüdlich für uns eingesetzt haben.
Auch wenn in der bisherigen Form nun die Lichter langsam erlöschen werden, arbeitet das Vorstandsteam hinter den Kulissen schon an der Fortsetzung der Interessenvertretung für Sprachprofis in einer neuen Form.