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… und nach uns die KI – Übersetzungsbranche im Wandel - Bericht

… und nach uns die KI – Übersetzungsbranche im Wandel

Diskussionsrunde zum Thema künstliche Intelligenz
mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik am 24.09.2019 in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin

Bericht von Magali Karee

„Das Problem der maschinellen Übersetzung gilt als gelöst“, hatte Dr. Aljoscha Burchardt im Vorgespräch zur Diskussionsrunde erklärt, zu der der BDÜ Nord (mit finanzieller Unterstützung des BDÜ Berlin-Brandenburg) am 24. September nach Berlin eingeladen hatte. Damit sei ein uralter Menschheitstraum wahr geworden: alle erdenklichen Sprachen mit nur einem Knopfdruck in jede andere Sprache übersetzen zu können. Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklungen nicht ohne Folgen für die Übersetzungsbranche bleiben. Um die damit einhergehenden Folgen, Probleme und Chancen ging es in der einstündigen Diskussionsrunde.

Wenn Übersetzungen auf Knopfdruck tatsächlich möglich sind, werden Übersetzer und Dolmetscher dann überhaupt noch gebraucht und wenn ja, wofür? Mit diesen und ähnlichen Fragen sehen sich Kollegen immer häufiger konfrontiert. Schon deshalb brennt ihnen das Thema KI unter den Nägeln. Deshalb war die Diskussionsveranstaltung auch schnell ausgebucht. Das Interesse am Austausch mit den Experten war groß. Das lag sicher nicht zuletzt daran, dass drei ganz unterschiedliche Außenperspektiven vertreten waren: eine wissenschaftliche (Dr. Aljoscha Burchardt), eine wirtschaftliche (Catharina Pawella) und eine politische (Falko Mohrs).

Neuronale Netze: Der Teufel steckt im Detail

Dr. Aljoscha Burchardt ist Computerlinguist und stellvertretender Standortsprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Er skizziert zu Beginn den Stand der Forschung. Schnell wird klar, dass die sprachtechnologischen Entwicklungen der letzten Jahre die Übersetzungsbranche nachhaltig verändern werden. Nachdem in den 50er Jahren die regelbasierte maschinelle Übersetzung (MÜ) und in den 80ern die statistische MÜ erst als revolutionär gefeiert und dann wieder verworfen wurden, ist die seit 2014 verstärkt entwickelte neuronale maschinelle Übersetzung (NMÜ) so gut, dass die Ergebnisse an die Qualität menschlicher Übersetzungen heranreichen. Natürlich steckt hier wie so oft der Teufel im Detail: Mit der neuronalen Methode übersetzte Texte lesen sich sehr gut, enthalten aber oft Fehler, die so subtil sind, dass man sie nur bei genauem Hinsehen und mit dem entsprechenden Fachwissen erkennt. Außerdem, so erklärt Burchardt an diesem Abend, können wir die Prozesse der NMÜ zwar mathematisch nachvollziehen – inhaltlich aber nicht. Ein Blackbox-Gefühl bleibt also.

KO-Argument Kostenfrage

Immer wieder ist an diesem Abend die Rede von „Digitalkompetenz“: Mittels KI erzielte Ergebnisse müssen immer kritisch betrachtet und ggf. hinterfragt werden. Ein „menschliches Korrektiv“ werde es immer brauchen, betont Burchardt, insbesondere bei Texten, in denen es auf Richtigkeit und Genauigkeit ankomme. Dennoch ist schon jetzt absehbar, dass die NMÜ – anders als ihre Vorgänger – so schnell nicht wieder in der Versenkung verschwinden wird. Die Gründe: Erstens sind neuronale Netze lernende Systeme und werden folglich immer besser, zweitens produzieren wir immer größere Textmengen, die von menschlichen Übersetzern schlicht nicht bewältigt werden können (und die nebenbei das Lernen der neuronalen Netze beschleunigen). Und schließlich sind NMÜ schnell, günstig und erfüllen trotz aller Fehler in der Regel (je nach Textsorte) ihren Zweck, sind also hoch effizient. In einer vollständig auf Effizienz getrimmten Gesellschaft ist die Kostenfrage oft ein KO-Argument.

Digitalkompetenz stärken – auch auf Kundenseite

Wie stark der Markt sich bereits jetzt im Wandel befindet, erleben die anwesenden Übersetzer regelmäßig in ihrem Arbeitsalltag: „Die Kunden wollen auf Post-Editing umsteigen“, berichtet ein Teilnehmer, „einfach, weil sie irgendwas von KI gehört haben und 50 % der Kosten sparen wollen.“ Dabei interessiere es die Kunden nicht, welche Folgen das etwa für ein groß angelegtes Lokalisationsprojekt haben könnte bzw. ob eine maschinelle Übersetzung in der jeweiligen Textsorte überhaupt sinnvoll sei. Catharina Pawella war früher Content Strategist bei ebay und ist heute unabhängige Beraterin und Leiterin des Frauennetzwerks Women in Localization. Auch sie habe bei vielen Unternehmen „Technikgläubigkeit“ beobachtet und forderte auch von ihnen mehr Digitalkompetenz ein.

Zeit, Kosten, Qualität: Das unmögliche Dreieck

Längst haben auch Kollegen die Vorzüge neuer Sprachtechnologien für sich entdeckt und nutzen Tools wie DeepL, um die eigenen Abläufe effizienter zu gestalten. Den Wortmeldungen zufolge sind viele Teilnehmer auch dem Post-Editing nicht grundsätzlich abgeneigt, allerdings unter zwei Bedingungen: Die Ergebnisse der jeweiligen Übersetzungs-Engine müssen akzeptabel sein, und die Bezahlung muss stimmen. Aktuell ist es so, dass der Aufwand für das Post-Editing oft mit dem für eine reguläre Übersetzung vergleichbar ist. Der Preis, den Kunden dafür zahlen (wollen), liegt dagegen bei einem Bruchteil des regulären Preises. Natürlich besteht die Möglichkeit, mit dem Kunden die Abrechnung nach tatsächlich geleisteten Stunden zu vereinbaren. Doch die anwesenden Übersetzer wissen ebenfalls, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Ein Teilnehmer formulierte es so: „Es gibt so etwas wie ein magisches Dreieck: Der Kunde will gute Qualität, möglichst schnell und für möglichst wenig Geld. Wir müssen ihm dann erklären, dass er maximal zwei von den drei Sachen haben kann.“ Das gilt seit Einführung der MÜ sicherlich umso mehr.

Strategie I: Spezialisierung auf bestimmte Textsorten

Gut ausgebildeten und erfahrenen Kollegen passiert es schon heute, dass sie quasi über Nacht einen Großteil ihrer Kunden verlieren, weil diese auf MÜ umsteigen. Es ist ratsam, frühzeitig über alternative Geschäftsmodelle nachzudenken. Denkanstöße dazu gab es im Lauf der Diskussionsrunde reichlich, sowohl von den Teilnehmern als auch von den Gästen. Und in den meisten Fällen zeigt sich: Es ist nicht notwendig, das Rad neu zu erfinden. Es geht vielmehr darum den Blick zu weiten und auszuloten, wo die erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten in Zukunft gebraucht werden. Übersetzer und Dolmetscher sind, wie ein Teilnehmer zurecht feststellt, Experten für Inhalte. Und, wie Catharina Pawella ergänzt, sie kennen die Zielgruppe häufig besser als beispielsweise die Marketingteams. Eine Spezialisierung auf bestimmte Textsorten, wie Marketing- und User-Interface-Texte liegt daher nahe. Immerhin investieren Unternehmen viel mehr Zeit und Geld in diese Art von Texten und sind daher eher mal bereit, auch für eine hochwertige Übersetzung einen angemessenen Preis zu zahlen. Allerdings wurde angemerkt, dass der Stellenwert einer professionellen Übersetzung häufig erst dann erkannt wird, wenn durch schlechte zielsprachliche Texte nachweislich ein Schaden entstanden ist. Ein Teilnehmer wies darauf hin, dass auch die Qualität der Ausgangstexte in den letzten Jahren merklich nachgelassen habe. Daher könne sich das Pre-Editing in Zukunft zu einem lohnenswerten Bereich entwickeln.

Strategie II: Beratung in Sachen (maschinelle) Übersetzung

Falko Mohrs geht da sogar noch weiter. Er ist SPD-Abgeordneter für Helmstedt-Wolfsburg im Deutschen Bundestag und dort u.a. Mitglied der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“. Er stellt eine Parallele zu anderen Branchen her: Automobilhersteller verkaufen beispielsweise heute nicht mehr Autos, sondern Mobilität. Überträgt man diese Idee auf die Übersetzungsbranche, so würde das bedeuten, dass in Zukunft nicht mehr in erster Linie Übersetzungs- und Dolmetsch-Dienstleistungen verkauft werden würden, sondern das Fachwissen darüber, wie man Inhalte effizient und bei gleichbleibender Qualität von einer Sprache in die andere überträgt. Ähnlich argumentierte Pawella, die Übersetzern und Dolmetschern riet, viel stärker Beratungsleistungen anzubieten. So könnte ein Machine Translation Specialist die Kunden bei der Auswahl der richtigen Tools, beim Aufbau sauberer Prozesse und bei der Einhaltung des Datenschutzes beraten. Allerdings setzt dies Fachwissen und Kompetenzen voraus, die sich die meisten Kollegen erst noch aneignen müssten.

Umdenken muss sein – besser jetzt als gleich

Zum Ende der kurzen, aber intensiven Diskussion bleibt der Eindruck, dass eine Anpassung an die neue Situation unumgänglich ist. „Nicht nur die Geschäftsmodelle müssen sich ändern, sondern auch die Menschen“, forderte Mohrs und brach eine Lanze für das lebenslange Lernen. André Lindemann, ehemaliger Präsident des BDÜ, pflichtete bei: „Wer denkt, dass er den Beruf bis zur Rente so weiterführen kann, wie er ihn erlernt hat, der wird sich umgucken.“ Erste Anregungen dazu gab es an diesem Abend viele.

Eines steht fest: Die durch KI losgetretenen Entwicklungen werden neue Geschäftsmodelle hervorbringen. Wir sind gespannt, welche davon langfristig erfolgreich sein werden. In der Diskussion werden wir weiter am Ball bleiben und das Marktgeschehen beobachten.


BDÜ Nord Seminar 2020 zum Thema

Wer sich intensiver und praktisch mit dem Thema befassen will, kann sich zum Seminar „Maschinelle Übersetzung und Postediting“ am 17.01.2020 in Hannover anmelden.

 


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